Segelkurs 2012 in Berlin

Bunte Mischung am TEGELER SEE
Segelkurs 2012 in Berlin vom 19.06.-27.06.2012

von Leo Steinkampf-Sommer (Wolfenbüttel)

 

Dies ist eine kleine Zusammenfassung in Form eines „Tagebuchs“ der Segelwoche 2012 in Berlin.

Am Dienstag den 19.06.2012 wurde ich von den etwa 10 aus Aachen und dem Ruhrgebiet kommenden Kindern und 3 Betreuern mitgenommen. Anfangs war ich sehr aufgeregt und wusste nicht, was mich da erwartete, doch im Auto unterhielt ich mich mit meinen Mitfahrern und verstand mich sehr gut mit ihnen. Dadurch legte sich meine Unsicherheit. Wir fuhren bis ca. 19 Uhr. In Berlin angekommen nahmen uns die ungefähr 10 Berliner freundlich in Empfang. Anschließend wurde uns mitgeteilt, wie die Zimmer aufgeteilt wurden. Neben den jeweils zwei Jungen- und Mädchenzimmern gab es auch noch zwei Zimmer für Betreuer. Ein paar der Betreuer schliefen jedoch auch anderswo. Nachdem uns durch die schon Erfahreneren das Gelände  gezeigt (erläutert) wurde, gab es eine Begrüßungsrunde, in der mir klar wurde, wie viele schon einmal da gewesen sind, oder zweiwöchentlich regelmäßig an den Berliner Terminen teilnehmen. Doch alle nahmen uns, die Neuen, toll auf.

Nach der ersten Nacht fand am Vormittag des Mittwochs die Einweisung in die Boote durch die „alten Hasen“, das Aufbauen von ihnen und das Lernen der vielen Begriffe statt und wir lernten einige allgemeine Dinge sowie Knoten. Das Vorführen der ohnmachtssicheren Westen gab Sicherheit. Am Nachmittag, an dem wir vorgehabt hatten zu segeln, regnete es in Strömen. Deshalb gaben uns die äußerst netten Lehrer und Erfahrenen einen Einblick in die Theorie des Segelns. Am Spätnachmittag nun endlich ging es auf die Boote. Wir hatten, wie an jedem anderen Tag, fast durchgängig genialen Wind: Zwischendurch gab es nur kurze Pausen mit weniger Wind. Zum Abendbrot, welches ein Zimmer, das Küchendienst hatte, mit der „Küchenfrau“ zubereitete, bekamen wir eine Tagesaufgabe, denn es gab eine Zimmermeisterschaft. Jedes Zimmer erhielt seine Punkte durch die täglichen Aufgaben, wie z.B.: „Schätze das Durchschnittsalter der Betreuer“ oder „Wie viele Boote befinden sich auf dem Gelände?“

Donnerstag ging es früh los, da wir zum sehr alten und interessanten Feuerwehrmuseum laufen wollten. Dort wurden wir von einem äußerst netten „Bärliner“ geführt. Neben einer Wassereimerkette bekamen wir mit Augen und Ohren ältere Feuernotrufsysteme gezeigt. Die Modelle haben mir am besten gefallen, wobei auch die Vorführung eines Brandes in einem abgetrennten „Wohnzimmer“ aufschlussreich war. Nachmittags segelten wir, wie üblich. Auf einer Tafel konnte jeder sehen auf welchem der 5 Bootstypen er segeln sollte. Die Topper blieben vorerst den schon Erfahreneren auf Grund ihrer Höhe und Unberechenbarkeit überlassen. Auf die Optimisten durfte jeder einmal. Es gab 2 verschiedene Arten von Zweier-Booten: Die Partner und „Flying Bees“, die sich durch ihre Geschwindigkeit und Stabilität unterscheiden. Am besten für Einsteiger zum Lernen waren die drei größeren Boote mit 2-5 Schülern und 1-2 Lehrern. Deutlich spannender allerdings war für mich die Fahrt mit dem etwas kippligen „Flying Bee“. Hier saß ich sogar fast immer an der Pinne und führte die Anweisungen meiner Mitfahrerin aus.

Der Freitag startete für mein Zimmer am Frühesten, da wir dann Küchendienst hatten: Schon vor 7 Uhr deckten wir die Tische für‘s Frühstück. Anschließend wurde kurzfristig klar, dass wir unsere Zimmerböden freiräumen sollten, damit eine Putzfrau besser sauber machen konnte. Direkt im Anschluss fuhren wir auch schon mit Autos zu einem Höhepunkt, dem Kletterpark. Dort angekommen bekamen wir die sicheren Klettergurte und ihre Benutzung gezeigt, bevor wir dann in kleinen Grüppchen die Bäume bestiegen. Das hat irre viel Spaß gemacht. Längere Zeit kletterte ich mit einem größeren blinden Jungen zusammen. Er fand die Rutschstrecken besonders toll. Hier brauchte man sich nur mit seinem „Smarti“ (Karabiner) an das Stahlseil zu klippen und sich hängen zu lassen. Schon flog man durch die Luft zum nächsten Baum ans Polster. Immer war man gesichert durch seine zwei Karabiner, denn es musste ständig einer am Seil sein. Solche Stahlseile gab es nicht nur bei den „Rutschen“, sondern auch bei allen anderen Aktionen (z.B. an der Kletterwand zum Besteigen einer Rute, bei den wackeligen Holzbrettern in 6 Metern Höhe, an den Schlaufen zum Hineinsteigen usw.). Also war Sicherheit auch in den bis zu 17 Meter hohen Kletterrouten geboten. An jeder Strecke waren die Höhe und der Schwierigkeitsgrad angegeben, so dass uns stets bewusst sein konnte, auf was wir uns da einließen. Dies lasen den anderen und mir die Sehenden vor. Ich glaube, dass es für jeden eine grandiose Erfahrung mit sich brachte, so frei in der Luft zu toben. Die 3 Stunden im Klettergarten gingen viel zu rasch um. Nach einem Picknick vor Ort fuhren wir mit einem neuen Rätsel zum Knobeln wieder zum Bootshaus an den Tegeler See. Genauer gesagt an die Malche (unsere Bucht). Da wurde mein Zimmer auch schon als Küchendienst gebraucht. Ich segelte heute wieder, wie beim ersten Mal auf dem FlyingCruiser, einem der großen Boote. Manchmal fiel es schwer aus dem Windschatten von Landzungen heraus zu manövrieren. Jeder kam auf jedem Boot mal an die Pinne, war also Steuermann anstatt Fock-Schoter (Halter der Fockschot). Dann suchte man sich häufig einen Punkt und probierte auf diesen zuzuhalten. Wenn das Land zu nahe rückte, sind wir eine Wende gefahren. Am Abend fiel ich nach dem Essen und ein bisschen üben von Knoten nur noch kaputt ins Bett.

Samstag durften alle länger ausschlafen. Am Vormittag ging es schon aufs Wasser. Total erstaunt war ich, als mir ein Freund sagte, dass ich für einen Opti „eingeteilt“ worden wäre, da ich ja nun wirklich noch keine große Erfahrung hatte. Lange Zeit zum Überlegen blieb mir nicht, denn wie immer musste jeder passende Schuhe, Jacke, Cap usw. heraussuchen. Aber im Nachhinein will ich mich auf keinen Fall beschweren. Nachdem ich nämlich die Einmannjolle mit nur einem Segel am Kutter, der etwas weiter draußen vertäut lag, aufgebaut hatte und mir nun mir selbst überlassen die Bucht vornahm, stellte ich schnell fest, was für ein fantastisches Gefühl es war, alleine die Gewalt über ein Boot zu haben und Schräglagen genau im richtigen Maße für sich selbst fahren zu dürfen, denn nach nicht allzu langer Zeit hatte ich herausgefunden, dass es nicht schwer war aus dem Wind zu segeln, also seine Geschwindigkeit zu beeinflussen. Gottseidank wurde ich, wie alle Anfänger, durchgängig von einem Motorboot begleitet: Er (der Fahrer vom Motorboot) rief mir Dinge zu wie: „Großschot dichter!“, „anluven“, „Pinne wegdrücken“  oder einfach nur „Jetzt Wende!“. Mein Boot schnitt geschmeidig die spritzenden Wellen und glitt, fast schwebend, übers blaue Wasser. Die Haare wehten und der Wind streifte mein mal angespanntes, mal entspanntes Gesicht. Auf dem Boden des Bootes saß ich und hatte die Pinne sowie die Großschot in meinen Händen. Dies war in jedem Falle eines meiner besten Segelerlebnisse, wobei selbstverständlich auch jedes andere Mal eine tolle Erfahrung mehr mit sich brachte. Am Nachmittag galt es sich zu entscheiden, ob man segeln, baden oder in ein Einkaufszentrum gehen wollte. Der tolle beständige Wind vom Vormittag ließ jedoch ab, von daher war das „Segeln“ eher ein Schippern. Ich entschied mich fürs Baden, denn die Sonne schien warm auf den See. Erstaunlicherweise, war das Wasser oftmals wärmer als die Luft. Zudem besaß der BFS (Bund zur Förderung Sehbehinderter) außergewöhnliche gespendete Badegerätschaften: Wie z.B. einen 2 Meter hohen Felsen (aus Gummi) mit Rutsche, kleine Inseln, eine riesige Wippe usw. Alles konnten wir nicht benutzen aber es hat trotzdem viel Spaß gemacht. Anschließend mühten wir uns vergeblich aus einem DIN A1-Blatt möglichst viele Papierboote zu falten (es war die Aufgabe des Tages). Dabei wurden wir unterbrochen von der legendären Nachtfahrt, die wegen schlechten Wetters vorher nicht stattgefunden hatte. Für die Nachtfahrt bekamen wir einen Zweimaster, die RAN, vom Nachbarverein geliehen. Da passten alle, die mitfahren wollten, gut hinein. Um etwa halb 12 Uhr nachts legten wir vom Steg ab und fuhren in die dunkle kalte Nacht, angetrieben fast ausschließlich mit dem Motor über das spiegelglatte Nachtwasser aus der Bucht. Mitten auf dem See blieben wir stehen und schwiegen so lange es ging: Wir knackten den bisherigen Rekord von 27 Minuten mit 40 Minuten, wobei einige immer wieder kicherten und flüsterten. Ich denke, dass es die ganze Woche über nicht so lange ruhig gewesen ist, wie in dieser Nacht. Eine schöne Erfahrung war es in jedem Fall. Am Sonntag um 1 Uhr früh schliefen wir endlich nach diesem wundervollen Tag ein.

Sonntagmorgen hatte es noch keine Gruppe zum Abgabetermin der Tagesaufgabe geschafft, das komplette DIN A1-Blatt zu verfalten. Bei einem Zimmer allerdings wären bestimmt 500 winzige (ca. 1,5 cm lange und 4 mm breite) Boote zu Stande gekommen, wenn sie nur die Zeit dazu gehabt hätten. Wir konnten nicht sonderlich viele abgeben, da wir in mehreren nacheinander folgenden Arbeitsschritten falteten. So gab es viele Schiffchen, die nur noch den letzten Schritt gebraucht hätten. Wenn wir früher aufgewacht wären, hätte es schaffbar gewesen sein können. Jedenfalls durfte ich am Vormittag im/neben dem Opti meine erste Kentererfahrung, die auf einen dusseligen Fehler zurückzuführen war, machen. So gut wie alles machte ich falsch, doch es passierte nichts Schlimmes und es war immerhin mein erstes Kentern: Als ich dieses zweite Mal auf einem Opti segelte, vergaß ich bei einer Wende vor lauter Angst vor dem Wind, die Seite zu wechseln – Wasser drang ein – plötzlich lag ich mit der Schwimmweste verheddert in Seilen im Wasser – Panik machte sich breit, doch das Motorboot, welches mich heute begleitet hatte, schwamm auf den Wellen direkt neben mir. Sein Steuermann rief mir etwas zu, doch ich konnte es nicht verstehen und erklomm Hals über Kopf sein etwa 2 Meter langes Motorboot und wärmte mich kurz auf. Dann ging es mit dem geborgenen Opti im Schlepptau zum Kutter, von dort aus wurde ich im Opti hinter dem Motorboot an einer Leine zum Steg zurückgezogen. Nach dem Duschen und Umziehen wollte ich schnell wieder aufs Wasser, damit durch das Kentern keine Ängste vor dem Segeln zurückbleiben. Unsicher segelte ich nun noch ein wenig. Als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, war ich sehr erleichtert, dass es geschafft war. Am Nachmittag standen erneut Möglichkeiten zur Auswahl: Entweder Einkaufen, Baden, Segeln oder in die Innenstadt von Berlin für die „Nichtberliner“. Da ich mich in Berlin nicht auskannte und es mich interessierte, fuhr ich mit Weiteren in der Straßenbahn in den Kern Berlins. Am Brandenburger Tor stiegen wir aus und bahnten uns einen Weg durch die Fußball-Fanmeile und lebende Statuen. Knapp daneben besichtigten wir mit den erprobten Reiseleitern Robert Heuser und Willi den Reichstag. Nachdem wir die genaue Sicherheitskontrolle passiert hatten und eingelassen worden waren, ließen wir uns von ihnen und den Audio-Guides umliegende Gebäude erläutern. Anschließend ging es „in“ das jüdische, ebenfalls sehr interessante Denkmal. Dort gibt es 2711 Stahl-Betonblöcke, die gestorbene Juden und ihren Lebensweg symbolisieren sollen. Zwischen den vielen grauen bis zu 3 m hohen Gebilden kam ich mir oft beobachtet, bedroht und hilflos verloren zugleich vor, da alle in Reih und Glied standen. Neu, erfassend, beschämend und gut nachfühlbar war diese außergewöhnlich prägende Erfahrung. Abschließend aßen wir noch ein Eis im „Sony-Center“ bevor es wieder zurück ins Bootshaus ging.

Unser Montag begann mit einer Unwetterwarnung, die auf einen Sturm Windstärke 7-8 aufmerksam machte. Also segelten ausschließlich die drei großen Boote vom Verein und die geliehene RAN auf den See hinaus. Überwältigend war, in was für eine Schräglage uns die 25-jährige Betreuerin brachte, ohne dass wir kenterten. Ich schätze 60° stand unser Mast mindestens zum Wasser, während wir die Wellen bezwangen. Bei tollem Wetter, aber viel zu viel Wind für Anfänger, sangen wir, schrien bei Schräglage, denn mein Freund und ich hatten es nicht für möglich gehalten, dass wir eine solche Situation erleben durften. Durch Wasserfontänen schossen wir im Sonnenschein. Doch plötzlich färbte sich der Himmel und wir erspähten einen ersten Blitz. Sofort gaben wir per wasserdichtem Funkgerät weiter: „Alle sofort in die Bucht an den Steg!“ Die RAN war schon auf dem Weg gewesen, die Anderen segelten zum Teil mit Motorverstärkung. Es schafften alle Segler, ihre Boote am Steg zu vertäuen und bei tosendem Gewitter im Bootshaus zu sein. Nachdem das Unwetter gut überstanden war, fuhren wir zum deutsch-französischen Volksfest, einem Rummel. Dort wurden von einem Politiker zu vielen Freifahrten und Essen und Getränken eingeladen. Wir genossen eine gruselige Geisterbahn, einen Auto-Scooter, zwei Achterbahnen und eine Krake. Dies hat alles viel Spaß gemacht. Wir danken alle dem Politiker, der uns eingeladen hat. Nach dem Grillen am Abend kam Asamoah mit seinen Bongos und wir trommelten mit ihm.

Dienstag, der zweite Tag an dem unser Zimmer Küchendienst hatte, war der letzte Segeltag. Jeder durfte sich sein Boot aussuchen. Mit einem anderen Jungen segelte ich einen Flying Bee. Wir wurden immer begleitet von einem Motorboot, blieben wegen des starken Windes aber in der Bucht. Ein so großes Boot zu steuern war anstrengend aber machte Spaß. Freudig und traurig zugleich kamen wir nach diesem letzten Segeln an Land. Am Nachmittag holten wir die Boote aus dem Wasser und säuberten sie. Abends wurden die Sieger der Zimmermeisterschaft bekannt gegeben und in einer Abschlußrunde sagten alle, wie gut ihnen die Woche gefallen hat. Auch ich war begeistert von so vielen tollen Erlebnissen und so vielen aufgeschlossenen, netten Menschen von denen einige ähnliche Sehbeeinträchtigungen hatten.

Am Mittwoch strichen wir uns Brote für die Heimfahrt und verabschiedeten uns unter vielen Tränen von den Berlinern. Auf der Autofahrt bekam ich noch einige Theorielektionen von Robert Heuser. Wieder mit vielen Tränen mußte ich mich in Braunschweig von den weiter fahrenden neuen Freunden verabschieden.

Die Segelwoche war genial und hat mir sehr viel Spaß gemacht. Danke allen Teilnehmern und vor allem den tollen Organisatoren und Betreuern!

 

Leo Steinkampf-Sommer, Wolfenbüttel