Segelkurs 2011 in Berlin

WELTUMSEGLER AM TEGELER SEE
Segelkurs 2011 in Berlin vom 28.06.-06.07.2011

von Robert Heuser

Jubiläen können eine feine Sache sein. Der diesjährige Segelkurs des BFS e.V. hatte gleich zwei davon im Programm. Zum einen galt es die zwanzigste in ununterbrochener Folge stattfindende Veranstaltung dieser Art im Rahmen des Segelprojektes des Landesverbandes Berlin-Brandenburg zu feiern, zum anderen feierte der Vorsitzende des Landesverbandes Stephan Kuperion dreißig Jahre Mitgliedschaft und Leitung des Segelprojektes. Im Schülerbootshaus an der Malche, der geschützten Bucht am Tegeler See im Norden Berlins, versammelten sich am Sonntag Gratulanten und feierlustige Teilnehmer des Segelkurses, um kräftig auf die Pauke zu hauen. Das im deutschsprachigen Raum wohl einzigartige Projekt des BFS-Landesverbandes „Segeln für sehbehinderte und blinde Kinder und Jugendliche" bietet den Segelneulingen und segel-erfahrenen Kindern jeweils in den Samstagskursen während der Saison die Möglichkeit, diesen Sport zu erlernen und auszuüben. Ein Mal im Jahr nutzt der Bundesverband für seine bundesweit ausgeschriebene Veranstaltung die vorbildliche Infrastruktur für seinen inzwischen weithin bekannten und beliebten Segelkurs. Auch diesmal konnte dank der Förderung des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit Mitteln aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP) und der Spendenbereitschaft unserer bewährten Sponsoren ein reichhaltiges Programm geboten werden.

Gleich zu Beginn gab es einen Höhepunkt. Der Berliner Strafrichter Stefan Lang berichtete in einem spannenden Lichtbildervortrag, in dem er sehbehindertengerecht seine Fotos ausführlich beschrieb, von seiner dreijährigen Weltumseglung mit seiner 11,2 Meter Aluminium Segelyacht Muline. Der mitgebrachte Relief-Globus machte es auch den Blinden möglich, seine Route mit dem Finger nachzufahren und seine Erinnerungsstücke gingen von Hand zu Hand. Es gab viele Fragen und jetzt ist auch den Tegeler-Seglern der Preis für die Passage eines 12-Meter Boots durch den Panamakanal bekannt. Es war übrigens eine Premiere - wir waren die Ersten, die in den Genuss dieser Schilderung kamen und alle Teilnehmenden, auch die des benachbarten TSC (Tegeler Segel Club), dankten mit lang anhaltendem Beifall.

Ein weiterer Vortrag, den Polizeioberkommisar Wolfgang Matuschke von der Berliner Wasserschutzpolizei zum Thema „Badeunfälle", vortrug, machte die Zuhörer nachdenklich und mit Sicherheit ein bisschen vorsichtiger beim Badespaß. Aber natürlich war die Hauptsache: Segeln, Segeln, Segeln... Wenn auch das Wetter neben dem erwünschten Wind eine Menge Wasser von oben und manchmal nicht gerade sommerliche Temperaturen bereithielt, kamen wir beim Wassersport voll auf unsere Kosten. Da war Lernen bei Windstärke drei möglich, aber auch Segeln auf der hohen Kannte mit Großbaum, der die Wellen touchierte. Und natürlich fand auch Kentern statt - Fehler oder zu gewagte Manöver haben halt Konsequenzen. Macht aber nichts, schließlich war auch das schon geübt und die Rettungsweste hält einen bis zur Bergung sicher über Wasser.

Eine ganz große Sache war am Freitag der Besuch der 21 Einsatzhundertschaft der Berliner Bereitschaftspolizei. Mit Mannschaftstransportwagen wurden wir abgeholt und zurückgebracht. Es war ein tolles Erlebnis (siehe auch Beitrag im Folgenden). Der Chronist  fragte sich zum Schluss, wer wohl mehr Spaß bei dieser Lehrvorführung über Festnahmetechniken, Sicherungsgriffe, Ausrüstungsgegenstände bis hin zum probeweisen Anziehen der Einsatzbekleidung mit Schutzweste, Bein- und Armschutz hatte. Waren es die SchülerInnen oder die BeamtInnen? Wie auch immer, ein Mal mehr wurde uns von der Leiterin bestätigt, dass auch wir eine tolle Truppe sind und kaum jemand so viele und interessante Fragen stellt wie die Seglergruppe aus Tegel. Warum arbeiten Verkehrsampeln eigentlich mit rot-, gelb-, grünem Licht? Allgemeine Ratlosigkeit -verwegene Theorien, bis unsere Valeria aus Köln im besten Hörsaalstil eine schlüssige Erklärung lieferte, die auch die hartgesottenen HüterInnen von Recht und Ordnung befriedigte.

Einer unserer Segeltage wurde von einem Reporterteam des „Tagesspiegel" begleitet, Eva Kalwa interviewte Schüler und Segellehrer, Kitty Kleist-Heinrich schoss die Fotos. Der Artikel erschien am 03.08.2011 unter dem Titel „Volle Seekraft".

Den Ausflug zum Brandenburger Tor und in die Reichtagskuppel haben wir natürlich  bei strichweisem Regen gemacht, es war aber trotzdem schön. Wir kamen unangemeldet und erst nach erfolgreicher Verhandlung mit dem Ordnungsdienst durften 7 von uns in den Reichstag.

Der geplante Zoobesuch mit dem früheren leitenden Tierarzt und „Elefantendoktor" viel buchstäblich ins Wasser, aber die Alternative hieß Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Das war sehr schön und unzählige Fotos mit den Großen und Schönen dieser Welt wurden auf die Speicherkarten der Digitalkameras gebannt. Der letzte Tag brachte schönstes Segel- und Badewetter. Das haben wir noch sehr genossen. Doch dann hieß es Abschied nehmen.

Aber wir sehen uns ja wieder! Beim BFS Sportkurs in Rheda-Wiedenbrück im Februar 2012 oder im Sommer in Berlin.

Inga Volkens, 14 jährige Teilnehmerin aus Berlin hat ein ausführliches Tagebuch geschrieben. Im Folgenden drucken wir daraus einige Auszüge. Wer den Bericht ganz als PDF-Datei lesen will, kann ihn sich hier downloaden:

Ingas Tagebuch downloaden 

 
LUV AN !

von Inga

 

Am Dienstag, den 28.Juni 2011 war es endlich soweit: Eine neue Segelwoche fing an. Die Berliner Kinder kamen zwischen 15:30 und 16:00 Uhr an. Eigentlich war vorgesehen, dass die Schüler aus Westdeutschland spätestens um 18:00 Uhr da sind. Aber es wurde eine halbe Stunde später. In dieser Zeit bezogen wir schon unsere Betten und machten eine Kuchen-Pause. Als wir gerade in den Kuchen beißen wollten, wurde es draußen laut. Da war mir klar: Die Busse mit den anderen Segelschülern sind da...

Eine halbe Stunde nach dem Abendbrot machten wir eine Begrüßungsrunde. Da stellte sich jeder Schüler und Lehrer vor. Zur Vorstellungsrunde gehört auch die Bekanntgabe der Regeln, wie man sich auf dem Gelände zu verhalten hat. Außerdem wurde für jeden Tag ein Tischdienst eingeteilt...

Am Mittwoch, den 29. Juni frühstückten wir um acht Uhr, Um neun Uhr haben wir gemeinsam die Segelboote aufgebaut. Die blinden Segelschüler sind an ein kleineres Schiff gegangen, wo die einzelnen Bootsteile in Blindenschrift bezeichnet waren. Vorher habe ich noch gezeigt wie eine Rettungsweste funktioniert. Dazu wurde ich ins Wasser reingeschubst, so dass ich einen Bauchklatscher machte Die Weste drehte mich dann automatisch so hin, dass mein Gesicht nach oben zeigte und nicht im Wasser lag...

Am Donnerstag, den 30. Juni gab es am Vormittag Segeln für alle, aber bei Regenwetter. Am Nachmittag war Segeln für die, die wollten. Um 18 Uhr kam ein Beamter von der Wasserschutzpolizei vorbei und hielt einen Vortrag über Badeunfälle. Da kam so einiges zusammen. Unter anderem hat er uns berichtet von zwei Jungen, die von einer Brücke kopfüber ins Wasser springen wollten. Aber in dem Moment kam ein Schiff unter der Brücke hervor und der eine Junge schlug mit dem Kopf auf dem Vorderdeck auf...

Am Freitag, den 1. Juli holten uns nach dem Frühstück Beamte der 21 Einsatzhundertschaft der Berliner Bereitschaftspolizei mit ihren Mannschaftswagen ab. Als alle dann einen Sitzplatz hatten, ging die Fahrt los. In der Polizeikaserne in Berlin-Heiligensee angekommen, gingen wir alle zuerst in den Schulungsraum. Da mussten wir uns in 7ner Gruppen aufteilen. Jede Gruppe besuchte drei Stationen. Das eine war ein Gefängnistransporter und ein Wasserwerfer. Die zweite Station war wieder im Schulungsraum eine Vorführung von Abwehrtechniken und der Ausrüstung wie Schlagstock und Pistole. Dritte und letzte Station war, mit dem Transporter kreuz und quer über das Gelände zu fahren...

Am Vormittag des Samstags, den 02.Juli fiel das Segeln aus, weil das Wetter zu schlecht war. Von 10 - 16:00 Uhr fuhren daher die meisten Schüler zum Brandenburger Tor und zum Reichstag. Einige blieben im Bootshaus und probierten Spiele aus für die Feier am nächsten Tag....

Am Sonntag, den 03. Juli war endlich wieder schönes Wetter, so dass wir bis 14 Uhr segeln konnten. Um 16 Uhr ging die Feier dann los. Es ging darum, dass Stephan Kuperion seit 30 Jahren das Segelprojekt leitet und dafür geehrt werden sollte. Und dann kamen auch schon die Spiele. Endlich mussten wir nicht mehr geheim halten, dass wir die Spiele schon alle ausprobiert hatten... Später am Abend wurde gegrillt und das größte an dem Abend war, dass wir mit der „Ran" einem großen Segelboot, eine Nachtfahrt gemacht haben. Es war sehr schön ruhig auf dem Wasser...

Am Montag, den 4.Juli wollten wir eigentlich in den Zoo. Aber es regnete ohne Ende. Schließlich haben die SegellehrerInnen beraten und wir sind ins Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds gegangen. Gehen war nicht gerade richtig, denn unsere Gruppe fuhr mit der S-Bahn. Wir teilten uns in kleine Gruppen auf. So durften wir durch das Museum laufen. Ich hatte Felix und Fabian in meiner Gruppe (Anmerkung: beide blind) und für beide war es sehr interessant, denn sie konnten alles anfassen und ertasten. Man konnte da sogar eine eigene Wachshand als Andenken machen...

Am Dienstag, den 05. Juli war der letzte Segeltag und den haben wir alle noch mal so richtig genossen. Da die SegellehrerInnen bereit waren, am Mittwochnachmittag die Boote einzupacken, hatten wir Zeit und durften alle am Nachmittag noch baden mit den Badeinseln des Vereins...

Am Mittwoch, den 06. Juli mussten wir ganz früh aufstehen, denn bis 11 Uhr war Abreise. Die nicht aus Berlin kommenden Schüler bekamen eine Tüte mit. Da waren Äpfel und Möhren und selbstgeschmierte Brötchen drin als Wegzehrung.

Und dann war es auch schon so weit - da ging das Heulen, das Verabschieden und Aufwiedersehen-Sagen bis zum Nachtreffen in Rheda-Wiedenbrück los. Dann war Schluss für dieses Jahr.