Segelkurs 2009 in Berlin

Und wieder Tage, die aus dem Kalender fallen
(Segelkurs 2009 in Berlin vom 14.07.-22.07.2009)

von Monika Wolgast

Mit Beginn der Sommerferien in Berlin startete auch dieses Jahr wieder der Segelkurs in Berlin. Im Vorfeld hatten die Berliner gewirbelt und alles vorbereitet. Der Pavillon als Schattenspender und Ort der Zusammenkünfte war aufgebaut, die Einkäufe waren getan, die Boote standen bereit und die Mannschaft der Berliner Segellehrer versammelt, um 18 Schüler/innen aus dem gesamten Bundesgebiet willkommen zu heißen und natürlich auch die angereisten Segellehrer

Aber auch anderswo war im Vorhinein schon viel passiert. So hatte Robert Heuser nunmehr im 14. Jahr ermöglicht, dass diese Maßnahme aus Mitteln des Bundesjugendplans gefördert wird, Schulen im gesamten Bundesgebiet waren angeschrieben worden, Jörg Bergmann und Stephan Kuperion hatten in mühsamer Kleinarbeit einen neuen Segel-Schulungshefter entworfen, der von Uwe Dettner ( ehemaliger Segellehrer des BFS und Lehrer an der Johann-August-Zeune-Schule, Berlin) für unsere 5 Blinden Teilnehmer/innen liebevoll in Blindenschrift übersetzt und ertastbar gemacht worden war. Es konnte also losgehen.

Die 18 Schüler/innen zwischen 11und 18 Jahren verteilten sich auf die 4- und 6- Bettzimmer. Viele waren zum ersten Mal im Bootshaus und sehr gespannt aufs Segeln; auch von den 5 Berliner Schülern waren die meisten erst ganz kurz dabei, so dass sich diesmal die Situation ergab, dass die Schüler nur wenig auf die Erfahrung der anderen Schüler in den Booten zurückgreifen konnten. Was für eine Herausforderung! Und wieder waren wir erstaunt, mit wie viel Vertrauen die Schüler trotz allem die Boote bestiegen und unseren Versicherungen glaubten, dass wir sie sicher durch den Tegeler See leiten und Ihnen die nötigen Segelkenntnisse vermitteln würden.

Der erste Tag begann wie immer mit einer Einweisung in die Bootstypen, deren Auf- und Abbau sowie die Sicherheitsregeln. Es war unglaublich heiß, dennoch nutzten die Teilnehmer die Möglichkeit, erste Handgriffe auszuprobieren, einige der doch sehr befremdlichen Segelbegriffe zu lernen oder auch in Ruhe Boote und Zubehörteile zu ertasten. Da Heike Volkens sich wieder bereit erklärt hatte, für die Gruppe zusammen mit dem Tischdienst acht  Tage lang zu kochen Kaffeepausen und Abendessen zuzubereiten, einzukaufen und ihre Nerven nicht zu schonen bei der liebevollen Überredung unlustiger Küchenhelfer, übermüdeter Küchendienstler und sonstiger Launen  - eine unglaubliche Erleichterung für uns, da wir uns dadurch ganz auf das Segeln konzentrieren konnten – gab es nun also das erste schmackhafte Mittagessen, dem noch viele folgen sollten.

So gestärkt ging es dann praktisch jeden Tag auf die Boote und schnell konnte man sehen, wie die Kenntnisse wuchsen und die Schüler immer selbständiger die seglerischen Fertigkeiten auf den Booten anwandten. Da wir die ganze Woche über relativ viel Wind hatten gab es natürlich auch ein paar Kenterungen, das gehört einfach dazu und ist beim Jollensegeln ganz normal. Ansonsten spielte das Wetter gut mit; ein einziges Mal hielt uns eine heraufziehende Front vom Segeln ab. Wir hatten uns nach langem Hin und Her trotz des eigentlich ganz gut aussehenden Himmels zum Abwarten entschieden, wie gut, begann es doch nach einer Weile mächtig über uns zu gewittern.

Auch dieses Jahr waren für den Aufenthalt der Schüler im Bootshaus wieder zwei Ausflüge geplant. Der erste führte uns zur  22.Einsatzhundertschaft der Berliner Bereitschaftspolizei. Dort wurden wir erwartet mit einem ausgesucht freundlichen, spannenden Programm. Wie schon vor zwei Jahren ermöglichte die Polizei unseren Schülern, ihre Ausrüstung kennen zu lernen und auch selbst anzuprobieren sowie die Waffen in die Hand zu nehmen. Extra für uns wurde eine Verhaftung nachgestellt. Ein weiterer Höhepunkt war natürlich die Fahrt mit dem gepanzerten Sonderwagen und einem Gefangenentransportwagen mit fensterlosen Zellen. Ein unvergessliches Erlebnis  war für die Teilnehmer/innen die einmalige Gelegenheit, die Wasserkanonen des Wasserwerfers selbst ausprobieren zu dürfen. So
wurden 9000 Liter Wasser verschossen. Noch ganz erfüllt von den vielen einmaligen Eindrücken kamen die Schüler ins Bootshaus zurück und es wurde noch lange von diesem Besuch geredet. Ein herzliches Danke Schön gebührt der 22. Einsatzhundertschaft der Polizei für diesen überwältigenden Vormittag.

Bei einem Stadtbummel mit Ausflug ans Brandenburger Tor mit einigen Teilnehmern zwei Tage später konnte man wieder sehen, wie klein doch die Weltstadt Berlin ist, denn beim Aussteigen aus dem Bus trafen sie auf eben diese 22.Einsatzhundertschaft der Polizei, die dort wegen eines Gelöbnisses der Bundeswehr ihren Dienst versah. Das gab ein großes Hallo!

Der zweite Ausflug führte uns ins Berliner Musikinstrumentenmuseum mit einer extra für unsere Gruppe verabredeten Führung. Instrumente, Musik, so dachten wir, das ist doch wie gemacht für unsere Schüler – da spielt das Sehvermögen ja die geringste Rolle und reißt nicht Musik alle Menschen mit und ergreift uns im Innersten?
Erwartungsvoll betraten wir also das Museum, aber wie waren wir enttäuscht, als es sofort hieß “Bitte nicht berühren, auch nicht aus Versehen“ und auch die Erklärungen und das Vorspielen einiger Instrumente war lust- und einfallslos. Das einzige Highlight ergab sich , als man uns in einen Raum mit verschiedenen Klavieren führte, die berührt und auch ausprobiert werden konnten und sich plötzlich aus der Gruppe unserer Schüler zwei lösten, die uns völlig überraschend ein kleines Konzert boten. Alles in allem kann man dem Musikinstrumentenmuseum in Berlin keine besondere Behindertenfreundlichkeit bescheinigen.

Darüber hinaus gab es natürlich auch wieder viele Stunden angefüllt mit Badespaß mit und ohne unseren großen Badeinseln, einer Rallye durch den Wald in der sowohl Segel- als auch Naturkenntnisse gefordert wurden, Tischtennisspielen, Grillabenden und auch einigen Theoriestunden mit dem neuen Segelhefter oder auch einem neu angeschafften Lehrfilm.

Der Abschiedsabend bescherte jedem der Teilnehmer – wie schon seit vielen Jahren wieder ein T-Shirt als Erinnerung an den Segelkurs 2009, die Schüler hatten sich für diesen Abend ein Spiel überlegt, eine Art „Stille Post“ der sensiblen Art, bei dem statt Flüstern gemalte Zeichen auf dem Rücken von einem zum anderen
weitergegeben werden mussten; eine Herausforderung, die interessante Ergebnisse lieferte.

Nach dieser ereignisreichen Woche fuhren alle mit vielen Eindrücken im Gepäck nach Hause. Wieder einmal ist der Segelkurs in Berlin vorüber und damit auch die immer etwas anderen Tage, die das Leben bunt und interessant machen und manchmal sogar ein wenig aus dem Kalender purzeln.